Selbstbewusst erobern Frauen sich das Automobil

05.12.2008
  • Die Marke Mercedes ist nach einem Mädchen benannt
  • Die Beschäftigung mit dem Automobil war in dessen Frühzeit nicht „ladylike“
  • Frühzeitig entdeckt die Automobilwerbung die Frau als Motiv
Während Bertha Benz und Louise Sarazin „ aktiv“ zur Verbreitung des Automobils beitragen, stellen sich auch auf der Konsumentenseite schnell Interessentinnen ein. Einer der ersten verkauften Benz geht an eine Frau: „Dass unter den ersten Käufern auch eine Lehrerin war, daran erinnere ich mich immer noch mit großer Freude“, heißt es in der Biographie von Carl Benz. „Weither aus dem Ungarnlande war sie gekommen, um das Mannheimer Wunder mit eigenen Augen schauen zu können. Ihre Begeisterung war groß; leider stand ihre Finanzkraft zu ihrer Begeisterung nicht im rechten Verhältnis. Aber begeisterte Frauen wissen immer Rat. Sie verstand es, ihre Begeisterung auf einen Kollegen zu übertragen, so dass auch er seine ganze Barschaft für den Wagen opferte. Es war ein Wagen aus dem Jahr 1888. Mein Sohn Eugen fuhr mit ihm zunächst ‚ per Bahn’ bis Wien. Von dort an musste der ‚Selbstfahrer’ aber selber fahren. Der Weg ins Ungarland war nichts anderes als eine einzige ‚Via triumphalis’. Ein Sturm der Freude begrüßte den Wagen beim Einzug in Sommerein bei Pressburg. Ehrenpforten und Triumphbögen waren errichtet. Bekränzte Festjungfrauen brachten ihm ihre Huldigungen dar, und aus dem Motorwagen war unter dem Jubel der Bevölkerung bald ein Blumenwagen geworden.“
Mercedes ist eine Frau
Ein Frauenname bereichert die Autowelt auch auf andere Weise: Der umtriebige Geschäftsmann Emile Jellinek prägt um 1900 mit dem Namen seiner Tochter Mercédès den rasch weltweit bekannten Markennamen der Daimler-Automobile.
Autofahren als Anstrengung
Dass fahrenden Frauen anfangs grundsätzlich als Phänomen bestaunt werden, ist nicht verwunderlich: Die Fahrzeuge sind in ihren frühen Tagen nicht ganz leicht zu benutzen. Sie zu lenken oder überhaupt erst in Gang zu bekommen ist körperlich anstrengend; von Motorsportlern und Taxifahrern wird noch zu Beginn des
20. Jahrhunderts berichtet, dass sie sich blutige Hände holen und die Beine verbrennen, wenn der Motor mal wieder überhitzt ist und das heiße Öl durch die mangelhafte Isolierung des Motorraums spritzt. All das ist also nicht besonders „ladylike“; und vor dem Hintergrund, dass die meisten Menschen dem Automobil in dessen Anfangsjahren ohnehin ziemlich skeptisch gegenüberstehen, kann man ihnen wohl nicht verübeln, dass es für viele mit dem Ende des
19. Jahrhunderts vorherrschenden Bild dessen, was sich für eine Frau schickt, nur schwer vereinbar ist, dass sich eine Dame diesem ungestümen Ungetüm freiwillig anvertraut.
In der technischen Praxis konnten Frauen nur selten aktiv werden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende, den Anfangszeiten des Automobils, verwehren dem größten Teil Bildungsmöglichkeiten und Forschungsdrang, gerade im Bereich der sich damals vehement entwickelnden Technik und Naturwissenschaften“, beschreiben die Autorinnen des Buchs „ Frauen in Fahrt“ die Ausgangslage Ende des 19. Jahrhunderts. „ Die Leistungen der Frauen beschränken sich deshalb besonders auf den Gebrauch eines Fahrzeugs. Doch auch in Berichten von frühen Expeditionen, Langstreckenfahrten oder sportlichen Erfolgen fehlen die Namen von Fahrerinnen – vielleicht, weil nicht noch mehr Frauen auf ‚den dummen Gedanken’ gebracht werden sollten, es den Siegerinnen von Rennen oder den Abenteuerinnen nachzutun? [...] Natürlich sind den konservativen Zeitgenossen autofahrende Frauen suspekt. In den Zeitungen und Zeitschriften dieser Jahre stehen deshalb immer wieder Warnungen vor Frauen am Steuer.
Allerdings tut sich damit ein gewisser Zwiespalt auf: „Autoherstellern und -verkäufern war die werbeträchtige Fernfahrt einer Berta Benz noch gut in Erinnerung. Sie hatte den Kritikern und Zauderern bewiesen, wie leicht und ungefährlich Autos zu handhaben waren – war sie doch als Frau mit diesem knatternden Ungetüm fertig geworden, das damals noch viele Zeitgenossen verschreckte. Die Firmen nutzten die Überzeugungskraft dieses Arguments und ließen daher für Werbeplakate Frauen hinter die Lenkräder zeichnen. Das zog: Immer mehr Männer erstanden eine Limousine, für die sie von Frauen begeistert worden waren.
Außerdem werden Frauen schon früh in Verkaufsprospekten etwa zum Patent-Motorwagen Benz „Victoria“ von 1895 zumindest als Passagiere abgebildet, vermutlich um die Ungefährlichkeit des auch für den Familieneinsatz tauglichen Automobils zu unterstreichen.
Die Institutionalisierung: Führerschein und Autoclubs
Herzogin Anne d’Uzès gilt als die erste Person, die eine Führerscheinprüfung ablegt, und zwar 1898 in Paris. In Deutschland ist es 1909 Amalie Hoeppner in Leipzig. Zudem ist die französische Herzogin der erste Mensch, der einen Strafzettel bekommen haben soll, weil sie statt der erlaubten 12 km/h im Bois de Boulogne bei Paris mit 13 km/h unterwegs gewesen ist. „Eigentlich war es viel schöner, mit der Kutsche zu fahren“ , wird sie zitiert. „Mit lebenden Pferden statt Maschinen und ‚Pferdestärken’! Erst wollte ich keines dieser unsäglichen, krachmachenden Automobile haben. Aber dann hat mit das Fahren doch riesigen Spaß gemacht.“
Um die Jahrhundertwende werden auch die ersten Damen-Autoclubs gegründet, in denen die Mitglieder gemeinsame Autofahrten planen und sich überlegen, wie man Fahrkomfort und Sicherheit der Autos verbessern kann. Frauen beeinflussen also schon recht früh Techniker und Karosseriebauer, damit die Gefährte verbessert werden.
Das „zarte Geschlecht“ macht Autofahren zum Beruf
Trotz aller Begeisterung der Damen für die motorisierten Kutschen werden Frauen, die hinter das Steuer drängen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch immer mit Skepsis betrachtet. Die „Allgemeine Automobil-Zeitung“ schreibt 1902: „ Man darf wohl, ohne ungalant zu werden, die Behauptung wagen, dass sich bei den wenigsten Vertreterinnen des zarten Geschlechts jene Eigenschaften finden, die eine gute Automobilistin unbedingt haben muss: Kaltblütigkeit, rasches Auffassen der Situation, blitzartiges Entschließen, Vorsicht, Niederzwingen des in jedem Automobilisten schlummernden Schnelligkeitswahnsinns.“
Um 1905 soll es gleichwohl die ersten Taxifahrerinnen, die so genannten „Chauffeusen“ gegeben haben; 1909 berichtet die „Allgemeine Automobil-Zeitung“ von der ersten Chauffeuse in London, „einer jungen, hübschen Irländerin“, die zuvor als Krankenschwester während des Burenkriegs in Afrika gearbeitet hatte und aufgrund geltender Fahrverbote für Frauen über eine Garage engagiert werden muss und nicht wie üblich über eine Zentrale.
Und ein ganz anderer Beruf kommt mit dem Automobil auf: 1907 berichtet die „Allgemeine Automobil-Zeitung“, dass sich jetzt „vielfach alleinstehende vornehme Damen größere Luxusautomobile anschaffen“ und dazu eine Reisebegleiterin brauchen: „Empfohlen wurde in Berlin ‚für diesen neuen Beruf’ gleich eine Frau Dr. von Papp, die ihre theoretische Schulung in Vortragskursen eines Berliner Technikums erhalten hatte und in der praktischen Fahrkunst von einer Autowerkstatt geschult worden war. Um die Fahr-Gouvernante auch gesellschaftlich akzeptabel zu machen, hieß es: ‚Die sympathische junge Frau ist von Geburt Ungarin und hat das Unglück gehabt, vor längerer Zeit ihren Mann, einen angesehenen ungarischen Advokaten, zu verlieren’.“
Schnelle Autos als Konkurrenz
Kaum wird das Auto zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannter und im Straßenbild selbstverständlicher, wird es nicht zuletzt aufgrund der möglichen Geschwindigkeit sehr attraktiv – und die Frauen haben fortan bei dem ein oder anderen Mann mit der Geliebten aus Blech zu konkurrieren: „Ein schnelles Auto, hieß es 1909 im Manifest des italienischen Futurismus, sei schöner anzusehen als die Nike von Samothrake – die berühmte Statue der griechischen Siegesgöttin, die heute im Louvre steht. Diese Huldigung der Geschwindigkeit offenbart, dass Mobilität im automobilen Zeitalter nie bloß die Fähigkeit bedeutet, von einem Punkt A nach B zu kommen. Im ausgehenden Industriezeitalter wird Mobilität mehr denn je zur Metapher für Beschleunigung, Geschwindigkeit und Modernität.“
Frauen in der Werbung
In der Folgezeit bereichern Frauen die Automobilwerbung: Während sie im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem die Ungefährlichkeit des Fahrzeugs demonstrieren sollen, werden sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts öfter in schmuckvoller Pose in der Werbung abgebildet, um den Verkauf anzukurbeln. „So wie weibliche Wesen zu Beginn dieses Jahrhunderts in der europäischen Plakatkunst als Blickfang für Glühbirnen, Suppenessenz, Zigaretten oder Waschmittel werbewirksam präsentiert wurden, mussten sie natürlich auch das aufstrebende neue Verkehrsmittel Auto in Fahrt bringen und allerlei Unerlässliches wie Benzin, Reifen oder Zündkerzen modisch gestylt anpreisen“, heißt es in einem automobilgeschichtlichen Rückblick in der „ Frankfurter Allgemeine Zeitung“.
Aber auch im Motorsport erfolgreiche Damen inspirieren die Werbeschaffenden. Als eines der eindrucksvollsten Werbemotive der 1920er Jahre gilt „Die Frau in Rot“, ein Entwurf des Gebrauchsgrafiker Edward Cucuel: „Die Rennfahrerinnen der ‚ Roaring Twenties’ waren erstklassig“, heißt es dazu im Buch „ Der Stern ihrer Sehnsucht“. Auf dem dort gezeigten Mercedes-Benz Typ S, der aus der Kurzversion (K) des Typs 630 entstanden ist, fährt unter anderem die aus einer Industriellenfamilie stammende Ernes Merck, und zwar mit einem sehr respektablen Ergebnis: „ Beim Klausenpass-Rennen 1927 war ihr allein Rudolf Caracciola überlegen.“
Neues Selbstbewusstsein in den 1920er Jahren
Ein Motiv, das bereits 1913 in der Zeitschrift „Jugend“ abgebildet wird, erfreut sich auch Anfang der 1920er Jahre noch großer Beliebtheit: Das Bild zeigt eine Dame, die ein Benz-Automobil im Arm hält, und den Schriftzug „Mein Benz!!“ Überhaupt spiegelt sich zwischen den beiden Weltkriegen das Selbstbewusstsein der Autofahrerinnen auch in den Anzeigen wider: 1926, im Fusionsjahr der Daimler-Motoren-Gesellschaft mit Benz & Cie., wird der Mercedes-Benz auf einem Plakat beworben, das vier Damen zeigt, die allen Anschein nach gut gelaunt auf einer Ausflugstour sind, und auch das Plakat zur Bekanntmachung der Fusion selbst zeigt eine Frau. „Die Anzeige kennzeichnet einen Trend: Die Dame von Welt fährt selbst.“ Eine Anzeige um 1928 bestätigt dies: „Die Dame von Welt, sofern sie es sich leisten konnte, ergriff das Lenkrad. Nicht nur der Wandel grundsätzlicher Auffassungen von der Rolle der Frau machte dies in den zwanziger Jahren möglich.“ Die auf der Anzeige gezeigte Dame „ kokettiert stolz und selbstbewusst mit ihrem schweren Wagen“ .
Bald darauf wird auch von einem Berliner Sportredakteur der Ausdruck der „selbstfahrenden Damen“ geprägt, wie es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ heißt: „ Er lieferte für die damalige, exquisite Zeitschrift ‚Die Dame’ ab und zu Autotexte. Er stellte 1930 auch fest, dass die Frau beim Autokauf ‚eine beinahe so wichtige Rolle wie der Mann’ spiele, dass ‚ungezählte Tausende von Damen’ ihren Wagen schon selbst lenken, einzelne sogar ‚mit auffallend großem Geschick und Verständnis für den Motor, fast alle mit einer Vorsicht und einem Verantwortungsgefühl, das die Herren der Schöpfung leider nur zu oft am Steuer vermissen lassen’.“
Werden die Damen damals nicht als Fahrerinnen umworben, sind sie in jener Zeit Trägerinnen der Werbebotschaft: Mal flüstert eine Frau unter dem Motto „Ihr Weihnachtswunsch“ dem Gatten ins Ohr, dass es ein Mercedes-Benz sein soll, mal schaut eine Dame in den Himmel auf den „Stern ihrer Sehnsucht“, den Mercedes-Stern.
„Nicht erst die Frauen von heute kaufen sich ihre Autos selbst, weil sie eher Rosen als Automobile geschenkt bekommen“, schreibt auch Britta Jürgs im Buch „Flotte Autos, Schnelle Schlitten. Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Automobile“. „Virginia Woolf investiert ihr Honorar aus ‚Die Fahrt zum Leuchtturm’, ihrem ersten kommerziellen Bucherfolg von1927, passenderweise in ein Automobil und begeistert sich darüber, wie das Autofahren die ‚Weltkarte in ihrem Kopf’ erweitert.“
Die Namensgeberin: Mercedes Jellinek im Alter von 11 Jahren. Emil Jellinek wählte den Vornamen seiner Tochter zunächst als Pseudonym für die eigene Rennteilnahme mit Fahrzeugen der Daimler-Motoren-Gesellschaft, später wurde er zur Markenbezeichnung.
U84056
Sportliche Schönheit: Die „Frau in Rot“, von Offelsmeyer Cucuel für Mercedes-Benz geschaffen und erschienen 1928, ist eins der eindrucksvollsten Werbemotive der 1920er Jahre.
1988M870
Eindeutige Ansage: „Warum wir uns beim Thema Geschmack an Damen wenden“. Werbeanzeige von Mercedes-Benz, erschienen Anfang der 1960er Jahre.
1988M2741
Auto und Stil: Werbeanzeige von Mercedes-Benz mit einem Typ 220 SEb, erschienen Anfang der 1960er Jahre.
1988M1667
Direkte Botschaft: Ein Werbemotiv von Mercedes-Benz von Offelsmeyer Cucuel, erschienen 1926.
1988M361
Frauen als Kunden gewinnen: das Werbemotiv „Der Stern ihrer Sehnsucht“ von Mercedes-Benz, veröffentlicht im Jahr 1929.
1995M201
Lebensart: Das Werbemotiv mit Dame von Mercedes-Benz aus dem Jahr 1936 zeigt einen Typ 540 K Roadster unter dem Zeppelin „Hindenburg“. Das Luftschiff wird ebenfalls von einem Motor aus dem Hause Daimler-Benz angetrieben.
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Die Namensgeberin: Mercedes Jellinek im Alter von 15 Jahren. Emil Jellinek wählte den Vornamen seiner Tochter zunächst als Pseudonym für die eigene Rennteilnahme mit Fahrzeugen der Daimler-Motoren-Gesellschaft, später wurde er zur Markenbezeichnung.
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Sportliche Dame: Ernes Merck in einem Mercedes, aufgenommen in der ersten Hälfte der 1920er Jahre.
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Sie fuhr die großen Autos äußerst behände: Ernes Merck, hier in einem Mercedes-Benz. Das Foto stammt aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.
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Automobildesign und Architektur: Mercedes-Benz 8/38 PS Roadster (1926 bis 1928). Aufgenommen vor dem Le-Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung, 1928.
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Ein Auto zum Gernhaben: Werbeanzeige von Benz & Cie. aus dem Jahr 1921.
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Leichtfüßige Fahrt: Mercedes-Benz Werbemotiv mit einem Typ 300 SEL 3.5 (1969 bis 1972).
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