Carl Benz in Mannheim

13.05.2008
  • Die Vorgeschichte eines traditionsreichen Fertigungsbetriebs
  • Das Werk folgt dem Wachstum von Benz & Cie.
  • Die stetige Erweiterung ist Programm
Der 1844 als Sohn eines Lokomotivführers in Karlsruhe geborene Carl Benz studiert von 1860 an am Polytechnikum seiner Heimatstadt und kommt 1866 erstmals nach Mannheim. Hier wird er in einer Waagenfabrik als Zeichner und Konstrukteur angestellt, wechselt jedoch 1868 nach Pforzheim zur Firma Gebrüder Benckiser. Ideen für das Automobil dürfte Benz in dieser Zeit weniger durch seinen Beruf bekommen, denn Benckiser, Eisenwerke und Maschinenfabrik, engagieren sich vor allem im Brückenbau. Doch schon in der Mannheimer Zeit begeistert sich Benz für das Fahrrad. 1867 kauft er sein erstes eigenes Veloziped, wie das Zweirad damals genannt wird. Und dieser Wegbereiter der individuellen Mobilität im Straßenverkehr prägt später viele konstruktive Details seines Patent-Motorwagens. Aus Pforzheim, wo Benz seine spätere Frau Bertha Ringer kennen lernt, kehrt er nach zwei Jahren bei Benckiser zurück nach Mannheim. Hier gründet der junge Ingenieur im Jahr 1871 zusammen mit dem „Mechanikus“ August Ritter auf dem Grundstück T 6, 11 das kleine Unternehmen Carl Benz und August Ritter, Mechanische Werkstätte.
Ritter erweist sich allerdings als wenig zuverlässiger Partner. Mit finanzieller Hilfe seiner Verlobten kann Benz den Kompagnon jedoch auszahlen und bestimmt allein die weitere Entwicklung des Betriebs. Im Jahr 1872 heiraten Carl und Bertha Benz. Von seiner Frau unterstützt, arbeitet Benz nun intensiv an einem Projekt mit großer Zukunft: dem Zweitakt-Gasmotor. In der Werkstatt von Carl Benz, Eisengießerei und Mechanische Werkstätte, läuft die Maschine in der Silvesternacht 1879 erstmals zuverlässig.
Zwei Mannheimer Gasmotoren-Fabriken
Aus der Werkstätte wird 1882 die Gasmotoren-Fabrik Mannheim. Das ermöglichen der Mannheimer Hofphotograph Emil Bühler und dessen Bruder, ein Käsehändler. Benz gewinnt die beiden als Geldgeber und Teilhaber. Mit finanzieller Unterstützung durch Banken gründet das Trio die Aktiengesellschaft, an der Carl Benz jedoch nur mit fünf Prozent beteiligt ist. Zwar fungiert er als Direktor, kann aber seine neuen Ideen nicht in dem Maße umsetzen, wie er es sich erhofft hat. Daher verlässt Benz das junge Unternehmen bereits 1883 wieder.
Noch im selben Jahr findet er erneut finanzielle Unterstützer: Den Kaufmann Max Kaspar Rose und den Handelsvertreter Friedrich Wilhelm Eßlinger kennt Benz vom Radfahren her. Die beiden betreiben ein Handelsgeschäft in Mannheim und verkaufen unter anderem Fahrräder. Am 1. Oktober 1883 gründen Benz, Rose und Eßlinger die Firma Benz & Cie., Rheinische Gasmotoren-Fabrik. Produziert wird weiterhin auf dem 750 Quadratmeter großen Grundstück von Benz in Mannheim T 6, 11. Sechs Arbeiter sind hier zunächst beschäftigt, doch die Nachfrage für Gasmotoren wächst, und schon bald umfasst der Arbeiterstamm 25 Mann. Und während der Absatz der eigenen Motoren steigt, vergeben Benz & Cie. parallel auch erfolgreich Lizenzen für den Bau von Gasmotoren.
Umzug in die Waldhofstraße
Als die Produktion auf durchschnittlich zehn Gasmotoren im Monat steigt, wird das alte Grundstück zu klein. Bereits 1885 beginnt Benz mit der Suche nach einem neuen Fabrikgelände. Er findet und kauft ein 4000 Quadratmeter großes Areal in der Waldhofstraße, wo 1886 neu gebaut wird. Werkstätten und Büro haben zunächst rund 1400 Quadratmeter Grundfläche.
Die Erweiterung von Benz & Cie. steht bereits unter dem Zeichen des Automobils. Dessen Entwicklung hat Carl Benz noch in der Stadtmitte vorangetrieben, am 29. Januar 1886 erhält er das DRP Nr. 37435 auf seinen Patent-Motorwagen. Dieses Patent gilt als Geburtsurkunde des Automobils, dessen Wiege damit in Mannheim steht. Die erste öffentliche Ausfahrt des Motorwagens findet auf der Mannheimer Ringstraße am 3. Juli 1886 statt.
Der Umzug ins neue Werk folgt 1887, die Adresse von Benz & Cie. heißt nun Waldhofstraße 24. Noch steht der Motorenbau ganz im Vordergrund der Geschäftsaktivität. Aber die Aufmerksamkeit für das Automobil steigt. Dazu trägt auch die Fahrt von Bertha Benz im August 1888 bei: Die Ehefrau von Carl Benz wagt mit ihren beiden Söhnen Eugen und Richard die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte. Sie bewältigt mit einem dreirädrigen Patent-Motorwagen Modell 3 die Strecke Mannheim - Heidelberg - Bruchsal - Durlach – Pforzheim und zurück über Bretten und Bruchsal nach Mannheim und zeigt damit die Zuverlässigkeit und den Nutzen des Automobils.
Der Patent-Motorwagen besiegelt den Aufstieg
Das Jahrzehnt von 1890 bis 1900 wird für Benz & Cie. zur atemberaubenden Erfolgsgeschichte, angetrieben vom Motorwagen. Der Eintritt der neuen Gesellschafter Friedrich von Fischer und Julius Ganß im Jahr 1890 bekräftigt zunächst noch den Aufstieg von Benz & Cie., Rheinische Gasmotoren-Fabrik, zur zweitgrößten Motorenfabrik Deutschlands. 1893 bauen die Mannheimer ihren 1000. Stationärmotor.
Doch das Auto wird dank der kontinuierlichen Weiterentwicklung zum neuen Kerngeschäft. 1893 führt Carl Benz die Achsschenkellenkung in den Kraftwagenbau ein, und 1896/97 entwickelt er den Contra-Motor, den Urvater der späteren Boxermotoren. 1894 hat das Benz Velo Debüt, ein preisgünstiger, leichter Wagen für zwei Personen. Das Velo beschert Benz & Cie. den Durchbruch zu höheren Absatzzahlen – bei einer produzierten Gesamtstückzahl von rund 1200 Exemplaren darf es als erstes Großserien-Automobil bezeichnet werden.
So entwickelt sich Benz & Cie. bis zur Jahrhundertwende zum weltweit führenden Automobilhersteller. Mittlerweile stehen dem Werk an der Waldhofstraße nach Ankäufen von Nachbargrundstücken rund 30 000 Quadratmeter zur Verfügung. 1893 hat Benz hier auch ein technisches Labor zur Entwicklung und Erprobung von Automobilen eingerichtet. Im Fokus stehen Personenwagen, 1897 wird bereits der 1000. Benz-Pkw gebaut. Aber auch die heutige Geschichte des Werks lässt sich schon vor 1900 erahnen: 1895 baut Benz & Cie. den ersten Motoromnibus der Welt für den Linienverkehr. Der Wagen wird zwischen Siegen, Netphen und Deuz eingesetzt.
Benz wird Aktiengesellschaft
Im Mai 1899 wird Benz & Cie., Rheinische Gasmotoren-Fabrik in Mannheim, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Dem ersten Aufsichtsrat gehören als Vorsitzender Max Rose, Kaufmann aus Heidelberg, sowie Dr. Richard Brosien, Bankdirektor aus Mannheim als stellvertretender Vorsitzender an, dazu weitere Honoratioren der Region. Direktoren werden Julius Ganß und Carl Benz, Prokuristen sind Josef Brecht und Eugen Benz. Das Stammkapital ist auf drei Millionen Mark festgelegt.
Mit dem Werksgelände in der Waldhofstraße ist auch die Belegschaft gewachsen: Haben 1890 noch 50 Arbeiter im Fahrzeugbau gewirkt, so wächst deren Zahl bis 1899 auf 430 Mann an. Allein in jenem Jahr werden bei Benz 572 Fahrzeuge gebaut, 603 Autos sind es dann im Jahr 1900: Benz & Cie. ist damit die größte Automobilfirma der Welt. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich der Bedarf nach einem neuen, größeren Werksgelände außerhalb der Stadt ab. Doch die Pläne zur Verlagerung werden erst einmal verschoben. Denn nach der Jahrhundertwende steht Benz & Cie. plötzlich vor einer Krise.
Krise und Bewältigung
Der Anfang des 20. Jahrhunderts bringt wirtschaftliche Probleme für Benz & Cie., dazu trägt unter anderem die Vorstellung des Modells Mercedes der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) bei: Weil die Pkw von Benz nicht mit der modernen Daimler-Technik gleichziehen, bricht der Absatz ein. Vor wenigen Jahren noch der internationale Spitzenreiter im Autobau, hat Benz nun nur noch die Rolle des wichtigsten Autoherstellers in Baden.
Die Gesellschafter um Julius Ganß wollen die alte Stellung der Marke mit technischen Neuerungen zurückerobern. Doch Carl Benz widersetzt sich den internen Forderungen nach leistungsstärkeren Fahrzeugen, und das Engagement im Motorsport hat er bereits 1901 abgelehnt – er will Gebrauchswagen bauen, und die müssen seiner Meinung nach nicht schnell fahren können. So scheidet der Automobilpionier 1903 aus dem Unternehmen aus, das seinen Namen trägt, immerhin kehrt er als Aufsichtsrat 1904 zu Benz & Cie. zurück.
Innovationen wie die Modellreihe Benz Parsifal, 1902 vorgestellt und 1904 gründlich überarbeitet, bringen die Marke zurück ins Interesse der Öffentlichkeit und sorgen für steigende Aufträge. Tatsächlich stabilisiert sich der Absatz wieder – 1903/04 ist noch ein Verlustjahr, 1904/05 hingegen schreibt Benz & Cie. wieder Gewinne. 1904 übernimmt Fritz Hammesfahr die technische Leitung der Benz-Werke.
Auch im Motorsport sind die Mannheimer nun erfolgreich: Bei den Herkomer-Fahrten fährt Fritz Erle 1906 mit einem Benz 40 PS auf den zweiten Platz und siegt im Folgejahr auf einem 50-PS-Wagen. Weitere Rennerfolge gibt es für Benz-Wagen bei Prinz-Heinrich-Fahrten und beim Grand Prix von Dieppe. Höhepunkt dieser Epoche ist der Rekordwagen Benz 200 PS, auch „Blitzen-Benz“ genannt, der mehrere Geschwindigkeitsrekorde setzt.
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