Unter der Lupe: Die Klausurerprobung: Ein ganzes Jahr in 14 Tagen

07.03.2011
Kurz nach 23 Uhr, Anfang Dezember. Pünktlich zum meteorologischen Winteranfang hat Tief Katharina Schnee und frostige Temperaturen nach Süddeutschland gebracht. Doch während viele Leute ihr Auto deswegen lieber stehen lassen, freut sich Anton Rosinger auf eine nächtliche Fahrt durch Schnee und Eis. „Es gibt nichts Schöneres, als bei Vollmond und Neuschnee auf der Albhochfläche unterwegs zu sein“, sagt der Schwabe, während er seine C-Klasse durch enge Kehren scheucht. Dabei hat der 55-Jährige in punkto Traumstraßen reichlich Auswahl: Als Mercedes-Testfahrer ist er auf Prüfgeländen und Pisten in aller Welt unterwegs, kennt die skandinavischen Eisflächen ebenso aus dem Effeff wie die Steilkurven im italienischen Nardo, die namibische Wüste oder die sengende Sonne Südkaliforniens im Death Valley.
Doch jetzt ist Testen in der Heimat angesagt: Die neue Generation der C-Klasse muss ihre Langzeitqualitäten in der so genannten Klausur-Erprobung auf der Schwäbischen Alb beweisen. „Dabei simulieren wir das erste Jahr eines neuen Fahrzeugs in Kundenhand“, erläutert Rosinger. „Im Zwei-Schicht-Betrieb spulen meine Kollegen und ich täglich rund 1.000 Kilometer ab.“ Binnen zwei Wochen haben die seriennahen, nur wenig getarnten Prototypen dann mehr als 10.000 Kilometer auf dem Tacho. Der Rundkurs ist genau definiert und umfasst zirka 65 Prozent Landstraße, 30 Prozent Autobahn und fünf Prozent Stadtverkehr. Auch die Schlechtweg-Strecken auf der Einfahrbahn in Stuttgart-Untertürkheim sind einbezogen.
Heute hat der gelernte Kfz-Mechaniker Nachtschicht. Was ihn zwischen 23 und 7 Uhr erwarten wird, weiß er noch nicht. „Bei aller Routine – jeder Testtag ist anders.“ Erfahrung hat Rosinger in der Tat reichlich: Seit 32 Jahren ist er „ beim Daimler“ und seit 28 Jahren in der Dauererprobung. Der E-Klasse-Vorgänger W 123 war das erste Auto, das er in dieser Funktion getestet hat. Seitdem hat sich in der Automobiltechnik viel verändert – „vor allem auf den Gebieten Elektronik und Assistenzsysteme“.
Also erwartet uns in der modernen C-Klasse eine gemütliche Spazierfahrt, angenehm klimatisiert und untermalt von den Klängen der Audioanlage? Von wegen. „Das Radio lasse ich meist ausgeschaltet, damit mir kein Klappern oder Knarzen entgeht.“ Denn bei der Dauererprobung geht es nicht um stures Kilometerfressen – zu den Aufgaben von Anton Rosinger zählt auch, mit feinem Ohr jene Geräusche zu orten, die zum Beispiel nur bei bestimmter Fahrbahnbeschaffenheit oder speziellen Geschwindigkeiten auftreten. Schließlich gehört es zum Premium­anspruch der Marke, dass Mercedes-Modelle nicht durch ungebührlichen Lärm oder unangenehme Schwingungen auf sich aufmerksam machen.
Rosinger wartet aber nicht passiv ab, ob irgendwann ein Problem auftritt, sondern setzt die C-Klasse aktiv jenen Beanspruchungen aus, die Kunden ihrem Auto sonst in mehreren Monaten abverlangen: Emsig drückt er Knöpfchen, betätigt Schalter und spielt an den Bedienelementen. Denn die Testfahrer müssen ein umfangreiches Prüfprogramm abarbeiten, das die häufige Benutzung von Fensterhebern und das Zuschlagen von Türen ebenso einschließt wie das Ignorieren der vom Navigationssystem vorgeschlagenen Route – um zu sehen, wie die Software sich auf den ungehorsamen Fahrer einstellt. Fällt etwas auf, spricht Rosinger sich eine kurze Notiz aufs Diktiergerät. Am Ende der Schicht hält er dann jedes Detail im Testprotokoll auf seinem Laptop fest.
Doch noch ist gerade erst Halbzeit, und kaum ist die Autobahn erreicht, macht Rosinger eine kurze Pause. Gut 150 Kilometer auf den schmalen, steilen und teils schneebedeckten Sträßchen der Schwäbischen Alb liegen hinter uns. Probleme: bislang keine, nur Marder und Fuchs haben sich kurz am Straßenrand gezeigt. Auch die 11-prozentige Steigung, an der in der Vornacht ein Tester­kollege im Neuschnee stecken geblieben war, war heute kein Problem für die C-Klasse Limousine. Rosinger hat sich als virtuoser Autofahrer entpuppt mit feinfühligen Aktionen an Lenkrad, Gaspedal und Bremse und einer vorausschauenden Fahrweise: „Mit der Zeit entwickelt man einen sechsten Sinn dafür, wie andere Autofahrer reagieren“, so der Mercedes-Mitarbeiter, der in seiner Tester-Karriere inzwischen fast drei Millionen Kilometer zurückgelegt hat.
Von seinem Fahrkönnen haben schon GSG9-Beamte der Bundespolizei profitiert, denen Rosinger in Lehrgängen das richtige Verhalten am Steuer in brenzligen Situationen gezeigt hat. Dass er Maschinen perfekt beherrscht, stellt er auch in seiner Freizeit unter Beweis: Rosinger nimmt erfolgreich an Motorradgeschicklichkeits-Turnieren teil. Dabei müssen Prüfungen wie beispielsweise einhändiges Kreisfahren möglichst fehlerfrei absolviert werden.
In der C-Klasse freilich bleiben beide Hände am Lenkrad. Sicherheit ist oberstes Gebot; und neben einer ausführlichen Schulung der Testfahrer und der Anerkennung eines Verhaltenskodex besteht Mercedes-Benz auch auf jährlichen Gesundheitschecks.
Inzwischen gleiten wir auf der Bundesstraße nach Stuttgart. Die Straße füllt sich ein wenig, Nachtschwärmer auf dem Weg ins Bett und Pendler unterwegs zur Arbeit begleiten uns beim Übergang von der Nacht in den Morgen. „Ich arbeite gerne im Schichtbetrieb, weil mir das mehr Freizeit beschert“, erzählt Familienvater Rosinger, der freie Minuten momentan am liebsten mit seiner 20 Monate alten Enkelin verbringt.
In Untertürkheim treffen wir erstmals auf Kollegen, die das Testprogramm auf den Schlechtwegstrecken bereits hinter sich haben. Ist Testfahrer nicht ein einsamer Job? „Das ist mir gerade recht“, gibt Rosinger grinsend zu. „Dann kann mir keiner dauernd reinreden.“ In einem Schreibtischjob kann man sich den Schwaben in der Tat nur schwer vorstellen. Begonnen bei Mercedes-Benz hat er in der Sportabteilung, wo er unter Leitung von Erich Waxenberger am Rallyefahrzeug Mercedes 450 SLC schraubte und so auch Walter Röhrl kennen lernte.
Kurz vor 7 Uhr, wir nähern uns dem Ausgangspunkt der Rundstrecke. Rosinger hat am Schluss seiner Schicht noch die Dokumentation zu erledigen. Besondere Vorkommnisse: keine. Ende eines ganz normalen Jobs.
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